Startseite der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Ebersberg, Kirchseeon, Steinhöring, Hohenlinden

Die 2. Pfarrstelle ist neu besetzt !

Wir haben eine neue Pfarrerin für Kirchseeon und Hohenlinden

Wir freuen uns, Pfarrerin Claudia Steuerer-Wünsche seit dem 1.11. 2017 bei uns begrüßen zu können.
Der Einführungsgottesdienst findet am Sonntag, den 12.11. um 10 Uhr mit einem gemeindeweiten Gottesdienst in der Johanneskirche, Kirchseeon statt.


Glaube im Fokus

In einer Handreichung für "Personalführung und Personalentwicklung in Kirche und Diakonie" fand ich den Satz: Wir befinden uns in einer unglaublich spannenden Zeit - für viele aber auch eine Zeit, die Angst und Unsicherheit erzeugt. Wachsende Komplexität und permanenter Wandel sind dafür wesentliche Stichworte.

Das ist natürlich Quatsch. Bloß weil mein Handy dutzende Funktionen hat, die ich nicht beherrsche und die Programmierung des DVD-Players einen Informatikkurs verlangt, ist die Welt noch lange nicht komplexer geworden. Und nur, weil alle vier Monate ein neues Modell unserer elektrischen Zahnbürste erscheint, ist die Welt noch lange nicht im Wandel. Seit etlichen Jahrzehnten ändert sich wahrscheinlich gar nichts mehr. Und bloß, weil Begriffe wie "Globalität", "Strukturwandel" und "Kommunikation" die Losungen unserer Zeit sind, ist das noch lange nicht spannend. Der Ausbruch von Hektik täuscht doch oft über den geistigen und einen mit Händen zu greifenden Stillstand hinweg.

Viel zu oft lasse ich mich von der Benutzeroberfläche einnehmen und blenden. Dort verstopfen die Buttons, Menüs und Schaltflächen die Scheinwelt. Tausende überflüssiger Möglichkeiten, die mir die Zeit stehlen. Genauso wie beim Schnellrestaurant, in dem ich erst mal am Schalter Schlange stehe, dann Fragen nach groß/klein/mit/ohne beantworten soll, mir selbst einen sauberen Platz zu suchen habe und schließlich auch noch gucken muss, wohin mit dem Abfall. Respekt, wie so eine Fastfood-Einrichtung es schafft, Schnelligkeit, Auswahl und Gemütlichikeit vorzutäuschen.

Ja, auf die Benutzeroberfläche, das interface, kommt es an. Dort findet die Suggestion und Überlistung statt. Aber unter dem Gesicht der Oberfläche haben die Autos immer noch vier Räder, einen Motor und ein Lenkrad und sollen uns von A nach B bringen. Der Rest sind Geschmacksverstärker. Mehr nicht.

Wir Menschen sind auch immer noch die selben: Wir tun uns schwer mit dem Leben und es geht weiter um
Menschliches und Allzumenschliches. Und seien wir ehrlich: Oft tun wir nichts, aber wir tun es in Eile.

Lassen wir uns also nicht blenden und einschüchtern vom Gerede, dass alles immer komplexer und schneller würde und überhaupt nie dagewesen neu.

Und vor allem: lassen wir uns nicht blenden von den glitzernden Benutzeroberflächen. Die breiten sich aus und fressen sich in unsere Lebenszeit und wollen Aufmerksamkeit.

Die Macht von Menschen über Menschen gründet auf der Wegnahme von unersetzlicher Lebenszeit. Jede neue Website soll Lebenszeit kolonisieren. Auf den Benutzeroberflächen findet das große Rasen statt. Es geht um Zeit. Es geht darum, die Zeit anderer Menschen anzuzapfen und für sich einzusetzen.

Gott sei Dank geht darunter alles viel langsamer vonstatten. Kabelanschluss geht nicht? Dann versuchen Sie mal beim heißen Draht durchzukommen. Ich wünsche ein kühles Mütchen, Geduld und was zu Knabbern in der Warteschleife. Klar, der Techniker oder das verbrauchsärmere Fahrzeuge oder was immer, worauf Sie warten, kommen. Aber nicht von heute auf morgen.

Vorschlag: Begehen wir den heutigen Tag mit großer Dankbarkeit für die Zeit, die uns einfach so geschenkt ist. Geschenkte Zeit, um Gemeinschaft zu erleben und zu pflegen. Und Finger weg von den smarten Glasoberflächen. Stattdessen Gelassenheit und Misstrauen gegenüber den angeblich so komplexen, spannenden und neuen Zeiten und allem was klingelt, blinkt und flimmert.


Erzählstoff im doppelten Sinn

Das Projekt Kirchenquilt erzählt Geschichten. Alte, fast vergessene Geschichten von vielen verschiedenen Menschen, und neue Geschichten von Entstehung, Werdegang, Zusammenhalt, Gemeinschaft.

Und so kam es dazu: einige Monate vor dem 50-jährigen Jubiläum unserer Heilig-Geist-Kirche in Ebersberg im Jahr 2008 entstand in geselliger Runde nach dem Gottesdienst die Idee zu einem Gemeindequilt. Am Tresen des Kirchenkaffees im Ebersberger Gemeindehaus unterhielt ich mich mit Ina Schön. Ihre
Patchworkkunstwerke (Patchwork = viele kleine Stückchen Stoff, zusammengefügt zu etwas Großem) inspirierten mich zu einer Frage: „Könnten wir nicht, was haltet ihr davon?“ Gedanklich stellten wir eine Verbindung mit „Bausteinen der Gemeinde“ her – das damalige Thema zum Kirchenjubiläum. Die Idee: Ein Kirchenquilt - also ein Patchwork-Wandteppich - als Zusammenarbeit vieler verschiedener Menschen, aus vielen verschiedenen Stoffen, aus unserem Gemeinde-Umfeld gespendet. Der fertige Quilt sollte einen festen Platz in der Kirche finden, als ständiger Vertreter der Gesamtgemeinde im Gotteshaus.

Gemeindequilt
von links: Ina Schön, Gerda Blöchl, Jutta Bethmann

Eineinhalb Jahre gingen ins Land. Dann hatten wir von über 100 Leuten die verschiedensten Stoffe beieinander: Es gab Kissenbezüge, Schals, Möbelbezugstoffe, Vorhänge, Bettwäsche und von der Küchenschürze bis zur Krawatte schier alles, was man sich denken kann an Kleidungsstücken oder Stoffresten davon. Jedes Stück Stoff mit persönlichen Erinnerungen verbunden. Sogar Pfarrers Beffchen war dabei. Ich bin gespannt, ob ich es in den verschiedenen Formen, Quadraten, Dreiecken oder Streifen, den Mustern des Quilts entdecke.

Ina Schön beschreibt die intensive Zeit und den Entstehungs-Prozess über vier Jahre: „So arbeiteten wir uns gemütlich und beharrlich durch. Weit über 500 Stunden kamen zusammen:
wir schnitten, suchten aus, kombinierten, steckten, nähten mit der
Nähmaschine, trennten auf, nähten neu, legten, schauten, überlegten, trafen Entscheidungen, entschieden uns um, nähten neue Teile nach, klebten, maßen, nähten von Hand, stachen uns die Finger blutig …
Und wir erzählten, hörten zu, diskutierten, berieten uns, gaben
uns Tipps für alle Lebenslagen, berichteten über Erlebnisse, teilten uns mit, standen uns bei, kurzum: Wir hatten es schön.
Als die reine Handarbeit dran kam, konnten wir sogar an der frischen
Luft arbeiten. Langweilig wurde uns nie. Wir werden unsere Kirchenquilt-Treffen vermissen.“

Jetzt aber ist er fertig, und soll seiner Bestimmung übergeben werden. Am 29. Juli um 10.30 Uhr wird unser Quilt im Gottesdienst feierlich eingeweiht. In dem Gesamtkunstwerk sehe ich viele Facetten und Farben unserer Gemeinde, Erzählstoff, Erinnerung auch an Menschen aus unserer Mitte. Sie alle haben zu diesem Teppich der Erzählgeschichten beigetragen.

Pfarrerin Uta Schmechta und Ina Schön


Glaubensbekenntnis eines kleinen Rehbocks

Bambi, Jesus und der Papst

Die Welt ist ein merkwürdiger, komplizierter und gefährlicher Ort. Bei dem, was alles gleichzeitig und höchst gegensätzlich geschieht, kann einem Hören und Sehen vergehen. Und nicht nur das. Das Gottvertrauen und der Lebensmut, gestern noch stark und selbstverständlich, können uns von heute auf morgen abhanden kommen. Entmutigung und Enttäuschung lauern überall. Neue Lebensfreude und Zuversicht kommen nicht immer von dort, wo man sie sich erhofft und erwartet. Anders als die derzeitige Ideologie uns glauben machen will, ist das Leben nicht berechenbar, nicht voraussagbar, nicht planbar. Google, Amazon oder Facebook setzen alles daran, uns restlos zu durchschauen. Sie wollen voraussagen und vorausbestimmen, was uns gefällt, noch ehe wir es selbst wissen. Aber die entscheidenden Dinge in unserem Leben ereignen sich zufällig. Sie fallen uns zu, ohne dass ein Rechenapparat sie für uns hätte ausrechnen können.

Zufällig lief mir Bambi über den Weg. Ich mochte Bambi noch nie besonders. Dieser allzu süße kleine Rehbock mit den großen Kulleraugen aus den Disney-Studios. In einer Zeitungsnotiz las ich, Bambi sei vor genau 90 Jahren auf die Welt gekommen als der österreichische Schriftsteller Felix Salter seine Tiergeschichte veröffentlichte: „Bambi - eine Lebensgeschichte aus dem Walde“. Inzwischen ist Bambi also schon ein ziemlich alter Bock. Aber bevor Bambi selber alt werden kann, muss er sich von seinem alten
Vater
verabschieden. Kaum zu glauben, aber in der Tiergeschichte gibt es ein tiefgründiges Glaubensgespräch zwischen Bambi und seinem Vater: „Verstehst du mich?“ fragt der Vater den jungen Bambi. Bambi antwortet flüsternd: „Ich glaube schon.“ Der Alte will es genauer wissen: „So sprich!“ Bambi erglüht und spricht bebend: „Ein anderer ist über uns allen.“ Da erwidert der Alte: „Dann kann ich gehen“, und verschwindet im Wald.

Nie hätte ich gedacht, dass Bambi mir das Anliegen Jesu und den Glauben an Gott so deutlich machen könnte. Das ist sie, die Botschaft Jesu: „Ein anderer, ein liebender Vater, ist über uns allen.“ Deshalb konnte Jesus getrost Abschied nehmen von seinen Jüngern, von seiner Mission, von seinem kurzen Leben. Einem anderen als sich selbst konnte er sein Leben in die Hände legen. Der alte Rehbock verschwand im Wald, in seine Welt und ging in den Kreislauf der Natur ein. Jesus verschwand auch in seine Welt und ging zum Vater. Bambi blieb zurück, zuerst traurig und dann immer freudiger und tatkräftiger. Jesus lässt seine Jünger zurück. Mit ihnen reiben wir uns die Augen und sehen uns diesen seltsamen Ort an, an dem wir unser Leben bestehen müssen. Wenn es gut geht, fassen wir Vertrauen und gehen, zuerst zögernd und dann begeistert, unseren eigenen Weg. „Ein anderer ist über uns allen.“ Diese Einsicht bewahrt vor Selbsterlösung, vor Angst und Überforderung. Weiß man Gott über sich, braucht man nicht dauernd in den Himmel starren, sondern hat Herz, Sinn und Hände frei für das was direkt vor einem liegt.

Auch Papst Benedikt konnte sich die Freiheit nehmen, zurückzutreten, weil ein anderer über ihm ist. So hat er in einem historischen Moment eindringlich von sich weg auf den anderen gedeutet, an den er glaubt. Benedikt verschwindet in den Gemächern des Vatikan. Es ist nicht er, der seine Kirche beseelt und begeistert. Auch sein Nachfolger nicht. Wenn ich mir etwas von ihm wünschen dürfte, dann dies, dass auch er klar und auf persönliche Weise den Blick freigibt und hindeutet auf den, der
über uns allen ist.

Vielleicht hat Bambi ja deswegen so faszinierend und geheimnisvoll glänzende Augen, weil es in dieser Welt mehr zu entdecken gibt, als wir voraussehen und vorhersagen können. Wer hätte vor ein paar Minuten wissen können, dass Bambi und Jesus, Sie und der Papst sich eben in Gedanken begegnet sind.

Wolfgang Ludwig, Pfarrer in Ebersberg


Gedanken zum Sonntag für den 04.11.2012

Glaube im Fokus: Halloween

Der Herbst ist reich an Feier- und Gedenktagen: Erntedank, Tag der Deutschen Einheit, Reformation, Allerheiligen, Reichspogromnacht, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag. Alles schwere Tage, nichts für den schnellen Konsum. Die wenigen, die diese Tage begehen, ziehen ihre dunklen Sonntagsgewänder an und setzen ernste Gesichter auf. Allenfalls an Erntedank darf noch gelacht und gefeiert werden, wenn auch deutlich gebremst durch die Erinnerung an Hunger und Schöpfungsraubbau auf unserer Welt. Die Trübsinnigkeit und Melancholie dieser Tage mag zur Jahreszeit passen, aber sie paßt nicht in unsere Kultur. Diese verlangt Spaß oder zumindest Ausgleich und Aufhellung der trüben Seelenlage. Das ist nicht neu und auch nicht schlecht. Schon immer gab es bei uns Kirta- und Kathreintanz zum Ausgleich für die stillen und kürzer werdenden Tage am Ende des Kirchenjahres. Neu ist, dass es schon längst nicht mehr um Ausgleich und eine Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit geht. Neu ist das Übergehen, Wegfegen und Austreiben der schweren Gedenktage.

Zwei Beobachtungen: Bereits seit dem Sommerschlußverkauf steht Weihnachten vor der Tür und die Nikoläuse und Adventskalender in den Regalen. Die Marktleiter von Edeka oder Lidl können nichts dafür. Ich vermute, dass sie im Stillen darunter leiden, übergangslos von Erfrischungsstäbchen auf Lebkuchen umstellen zu müssen. Als Kunde bewundere ich den logistischen Aufwand, der hinter dieser Sysyphusarbeit steckt. Aber wer Kinder hat, weiß wie wichtig und gleichzeitig schwer es ist, eine
Unterscheidung der Zeiten aufrechtzuerhalten. Man braucht Kraft und ein sicheres Gefühl, um einen Satz durchzuhalten wie: "Vor Totensonntag kommt bei uns kein Nikolaus, kein Lebkuchen und kein Stollen ins Haus!" Hoffentlich gelingt es. Denn, wer unterscheidet, hat mehr vom Leben.

Dass uns die Feiertage im Herbst wie böse Geister ausgetrieben werden, ist seit etwa zehn Jahren wörtlich zu verstehen: Halloween hat sich am 31.10. im Kalender breit gemacht. Eigentlich meinte das Wort nur "Vorabend von Allerheiligen". Geworden ist daraus eine Art Polterabend, die volle „Mega-Horror-Party“, wie es auf einem Plakat in Ebersberg steht. Der kleine Gruseltrip in der Nacht und der traditionelle Besuch der Gräber am Nachmittag des 1. November gehen hier eine schwer verträgliche Verbindung ein. Meine Prognose: Halloween wird boomen, Allerheiligen bleiben, aber ohne Aufmerksamkeitswert. Da im katholischen Bayern kein Feiertag, war es für das protestantische Reformationsfest schon immer unmöglich sich hier zu behaupten. Die 95 Thesen, die Martin Luther am 31.10.1517 vermutlich an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlug, haben sich aber auch in Sachsen oder Württemberg in Luft aufgelöst. Der religiöse Ablasshandel und das Fegfeuer dagegen haben lustig überlebt - nun außerhalb der Kirchen. In den Gesundheits-, Sport und Wellnessreligionen werden die Menschen nicht mehr von einem zornigen Gott bedroht, sondern setzen sich lieber selbst unter Druck. „Ich lasse mir von niemandem außer von mir selbst etwas sagen!“ Aber mit „mir selbst“ ist eben nicht zu spaßen. Nicht mal an Halloween. Beim Anblick der kleinen Spaßverderber an der Haustür, die auf Süßigkeiten bestehen oder Übles androhen, ist schon manchem ängstlich ums eigene Hab und Gut geworden. Das evangelische Reformationsfest täte uns, auch nach Meinung des katholischen Bischof Marx, wohler. Aber Halloween hat schon deshalb bessere Karten, weil man für Reformation keine Kürbisse und für Allerheiligen außer Friedhofslichtern keine Party-Utensilien kaufen kann. Zum
Glück schreibt mir niemand vor, Halloween mitzumachen und Nikoläuse im November zu essen. Die Tristesse und Melancholie der Feiertage im Herbst auszukosten tut nicht allen gut. Aber wer sich bewußt auf sie einlässt, erlebt auch Licht und Freude in neuem Glanz. Ganz im Sinne eines Satzes aus dem Neuen Testament: Das Licht scheint in der Finsternis. Welches Licht war das noch gleich?, fragt sich und Sie ...
... Wolfgang Ludwig, evangelischer Pfarrer in Ebersberg


Gedanken zum Sonntag für den 21.10.2012

Glaube im Fokus: Sind Pfarrer eigentlich auch Menschen???

Ein Vater hatte seinen kranken Jungen gebracht – zu Jesus (Mk 9, 14-29). Er hatte bei den Jüngern Jesu um Heilung nachgesucht - ohne Erfolg. Ich denke mir: oh ja, das kenne ich. Viele Menschen laufen in Notlagen von Pontius zu Pilatus, um endlich bei der Kirche zu landen, sozusagen als letztem Notnagel - beseelt von einer immensen Erwartungshaltung: Ihr müsst doch was tun!

Manchmal werden wirklich wahre Wunder von den ehrenamtlich und hauptamtlich tätigen MitarbeiterInnen der Kirche erwartet: Wunder an Geduld. Wunder an Gesprächsbereitschaft. Wunder an Spontaneität. Wunder an Phantasie und Einfallreichtum usw . Die Kirchenleute haben „Gutmenschen“ zu sein – und zwar immer. Unmenschlich ist die Erwartungshaltung manchmal. Den eigenen Glauben gilt es an Gott festzumachen – und sonst nirgends! Klar geben wir uns hier vor Ort alle erdenkliche Mühe, den an uns gerichteten Erwartungen gerecht zu werden. Aber mit dem lieben Gott braucht niemand verwechselt zu werden – auch kein Pfarrer! Die Confessio Augustana hält sogar ausdrücklich fest: „... die Sakramente sind wirksam, auch wenn die Pfarrer, durch die sie dargereicht werden, nicht fromm sind.“ (CA 8)

Alle, die sich bei uns engagieren: Pfarramtssekretärin, GruppenleiterInnen, Hausmeister, Personen, die saubermachen und die Gebäude in Schuss halten - alle sind sie Menschen mit allen Möglichkeiten und eben auch Grenzen. Manchmal geht nicht mehr, als eben
geht. Ja, auch Pfarrer müssen nicht die Vorzeigeheiligen auf dem Denkmalsockel sein - um Gottes Willen! Auch ein Pfarrer ist eben ein Mensch – auch mit Privatleben, sei er evangelisch oder katholisch. Mit einem Tag, der auch nur 24 Stunden hat. (Ich zitiere meine Frau: „Ich sehe es als eine meiner hervorragendsten Aufgaben an, die Privatsphäre meines Mannes zu erhalten und unser Familienleben zu behüten.“) Auch Pfarrer sind Menschen, die von Schicksalsschlägen gebeutelt werden können. Oft ohne Hilfe und Verständnis von außen erwarten zu können. Ich bin ein Mensch und möchte als solcher erkannt werden.

Die oben erwähnte Bibelgeschichte entlastet ungeheuer an dem Punkt: Wir müssen nicht Wunder vollbringen - die kommen anders zustande! Wir können lesen, dass Jesus sich geradezu schützend vor seine Anhänger stellt. Das tut gut! Einer der Kernsätze eines mir bekannten Kirchengemeindeleitbildes lautete: „Sie könnten bei uns auf Gott und Jesus Christus treffen.“ Auch hier Bescheidenheit dieser Gemeinde. Sie könnten bei uns auf Jesus treffen - in der Hand haben wir´s nicht, dass es so ist! Auch wir hier vor Ort geben uns Mühe mit den Angeboten, die wir machen: wir können Treffen, Seminare, Gottesdienste sorgfältig vorbereiten. Und dennoch kann es immer passieren, dass wir Menschen mit einer bestimmten Erwartungshaltung enttäuschen. Dem gegenüber aber steht vielleicht auch das Bewahren der eigenen Authentizität als Gewinn. Auf der andren Seite ist auch schon das geschehen, dass Leute zu unseren Veranstaltungen gekommen sind, von denen wir selbst annahmen, dass wir nichts Besonderes bringen - und jene Leute fühlten sich bewegt, angesprochen, geradezu wundersam berührt. Da hat dann der liebe Gott seine Hand im Spiel gehabt. Und dem überlasse ich auch künftig das Wunderbare!

Hartmut Thumser, evangelischer Pfarrer in Hohenlinden und Kirchseeon


Gedanken zum Sonntag für den 23.09.2012

Seit ein paar Wochen lese ich öfters die Kommentare zu den Berichten auf der Internetseite der
Tagesschau mit. Erst gerade eben zum Tagesschau-Interview mit Jean Ziegler und seiner These: „Unsere Landwirtschaftssubventionen töten Menschen in Afrika“. Deutliche Worte, Pointierte Argumente, herausfordernd und polarisierend, wie es Jean Zieglers Art ist. In seinem neuen Buch,"Wir lassen sie verhungern - Die Massenvernichtung in der Dritten Welt" stehen Sätze wie dieser: "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet". Natürlich bleibt dies nicht unkommentiert. Kurz nach erscheinen des Interviews sind dutzende bestätigende und ablehnende Meinungen zu lesen. Ich frage mich: Wie schaffen es die Leute, sich so schnell eine Meinung zu bilden? Oder wissen einige schon immer alles, um reflexartig mitreden zu können.

Tag und Nacht kann man heute mitreden, überall. Im Internet, bei Twitter und Facebook, bei Umfragen und in Leserbriefen sowieso. Firmen, Vereine, Parteien, Verbände, Kirchen und Institutionen fordern uns dauernd auf, mitzureden: Schreiben Sie uns, rufen Sie uns an, Ihre Meinung zählt, jeder Zehnte gewinnt. Besonders nervig der Anruf nach dem Werkstattbesuch oder der Evaluationszettel nach einer Fortbildung: Waren Sie zufrieden? Die ganze Welt ist ein Geschnatter. So gut wie jede Internetseite suggeriert uns, mit nur einem Klick mitreden zu können. Über Hunger in der Welt, Benzinpreise, Krankenkassen, Armut, den Seitensprung eines Politikers, Kates Busen, neue Erziehungsmethoden, die beste Tierpflege und den Bau der Umgehungsstraße. Im Minutentakt gibt´s neue Themen und x Meinungen dazu. Ist das ein Glück? Viele finden es toll, wenn ihre Sicht der Dinge gefragt ist. Sie reagieren sofort und schreiben ohne zu zögern. Das internet schläft nicht. Andere verfassen Leserbriefe und Emails oder rufen an. Es wimmelt von Meinungen. Wer findet sich da durch? Gute Frage. Ich habe eine Vermutung. Die Aufforderung, dass wir uns jederzeit und überall bitteschön äußern sollen, ist bloße Masche. Wirklich interessiert ist daran keiner. Interessant sind nur unsere Klicks und das Quentchen Aufmerksamkeit, das wir
einer Seite mit ihrem Anliegen zuwenden. Die vielen Kommentarseiten zum Interview mit Jean Ziegler haben mich zugleich ratlos, wütend und apathisch gemacht. In der Summe waren es Nullmeldungen, die sich letztlich gegenseitig aufgehoben haben. Geht ja auch gar nicht anders. Wenn einer ruft: Sagt eure Meinung!, und bekommt dann hundert Ansichten, was will er damit anfangen? Findet er sich dann besser zurecht? Wohl kaum. Und wenn ich als Zuschauer und Zuhörer alle Meinungen lese, höre und sehe, dann vergehen mir Sehen und Hören und ich bleibe am Ende ratlos im Einerseits-Andererseits stecken. Man kann es so oder so sehen. Das wusste ich aber schon vorher. Das große Mitreden Tag und Nacht ist Illusion. Außer dem Zählen der Klicks und der Erhöhung der Einschaltquote bringt das nichts.

Wer hundert Meinungen anderer gelesen hat, sieht nichts klarer. Im Gegenteil, es zerstreut und erschöpft einen nur. Gern würde ich darauf einen Satz aus dem Matthäusevangelium anwenden: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ „Ich“, das meint natürlich Jesus, von dem Christen sagen, in ihm zeige sich die Liebe und Wahrheit Gottes. Es braucht keine „Foren“ und „Portale“, damit ich mir selbst eine Meinung bilde, in der etwas von dieser Liebe und Wahrheit aufscheint. Im persönlichen Gespräch mit zwei, drei anderen, im Befragen meines Gewissens und auf dem Hintergrund meiner Lebenserfahrung lässt sich vorsichtig zu einer eigenen Meinung kommen. Bevor ich sie mir dann zerreden lasse, möchte ich erst einmal eine Weile dazu stehen und sie im wirklichen Leben erproben.

Kann sein, dass ich meine Meinung dann ändere oder sie hat sich bewährt. Bevor ich das nächste Mal wieder beim Lesen von Kommentaren Zeit im Netz verbummle, suche ich mir lieber ein, zwei Gesprächspartner.

Pfarrer Wolfgang Ludwig


Gedanken zum Sonntag für den 13.08.2012

Sommerloch August

„Rent a pastor“ ist die Sommeraktion eines Pfarrers überschrieben, die er jeden Sommer in
der Stadt Kassel bekannt macht. Die Unterzeile des Angebots lautet: „Eine Stunde mit dem Pfarrer ganz nach Ihren Wünschen.“ Den ganzen Monat Juli hindurch kann sich jeder mit dem Pfarrer verabreden, ihn „kostenlos mieten“, wie er selber schriebt. Man kann dann gemeinsam spazieren gehen, ein theologisches Gespräch führen, kochen oder sonst etwas für diese eine Stunde absprechen. Der Pfarrer selber, der diese Aktion zum wiederholten Mal durchführte, spricht von einer „großen Resonanz“. Man weiß natürlich nicht, was mit der „großen Resonanz“ gemeint ist. Ein Ebersberger Gemeindemitglied hat die Idee jedenfalls von Kassel nach Ebersberg mitgebracht und mir vorgeschlagen, es dem Kollegen gleichzutun. Sicher würde diese Aktion ein größeres Medienecho entfalten - vielleicht auch wegen einer gewissen Nachrichtenarmut im Sommerloch. Sofort war mit klar, solch ein „Angebot“ auf keinen Fall zu machen. Gern lasse ich mich bei einem Besuch oder zufälligen Zusammentreffen auf ein längeres Gespräch oder einen Spaziergang ein. Zur Seelsorge braucht es Luft im Kalender und Raum für Spontanität. Aber für eine Aktion wie „Rent a Pastor“ bin ich einfach zu konservativ und habe gern mehr Verbindlichkeit, mehr Anlass und mehr Tiefe. Aufmerksamkeit in der Vielfalt der Sinnangebote tut der Kirche sicher gut. Aber nicht um diesen Preis: Mal sehen, was wir so zusammen machen können.

Dann lieber das Sommerloch nutzen und sich bewusst aus dem Kampf um Aufmerksamkeit und aus den täglichen Angeboten zurückziehen und: Nachdenken. Der August ist Ideal zum Innehalten und Nachdenken. Zweidrittel des Jahres sind bereits gelaufen. Im Herbst geht es neu los. Dazwischen lohnt ein kritischer Blick auf das eigene Leben, Tun und Lassen. Deutlich könnte dabei werden: Viele Menschen, Institutionen und natürlich auch die Kirchen leiden unter Erfahrungen von Krise, Schuld und Erschöpfung. Kirchenleitungen sehen die Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft steht, benennen sie oft, aber finden nicht nicht die Kraft, sich neu auszurichten. Dabei
mangelt es nicht an Aktionen, Aufrufen, Beratern und Planern. Mein erster August-Einfall dazu: „Es kommt „nicht darauf an, die Welt zu verändern, sondern sie zu verschonen.“ (Odo Marquard)

Kirchen, Vereine, Betriebe stehen in der Gefahr, sich und ihre Mitarbeitenden in überdehnten Strukturen und immer neuen Aufgaben zu erschöpfen. Also: Weniger tun, mehr lassen; konzentrieren statt aktionieren! Der August ist bestens dazu geeignet, dies auszuprobieren. Statt der Rufe nach Aufmerksamkeit käme es darauf an, das Rufen zum Schweigen zu bringen und der Stille und Kontemplation Raum zu geben. Freilich geht auch hier der Trend zum Power-August. Nach dem Motto: Da ist nichts los, also lasst uns Sitzungen, Feste, Events, Aktionen öffenlichkeitswirksam in den August platzieren. Wir sollten uns gegen das Verstopfen des Sommerlochs wehren, damit Zeit bleibt, über Wesentliches nachzudenken. Für die Kirchen ist das ruhige Hinhören auf die befreiende Botschaft des Evangeliums lebensnotwendig. Gegründet allein auf das Evangelium sollen sie „Salz der Erde“ sein. Salzgewinnung findet in der Tiefe eines Bergwerkes, in der Ödnis einer Salzwüste oder am Ufer eines Meeres statt. „Salz“ entsteht nicht durch dauernden Heckmeck. Es wird durch geduldige Arbeit gewonnen. Weil die Kalender nicht so voll sind und äußerlich nicht allzu viel geschieht, lässt sich im August viel „Salz“ gewinnen für das, was übers Jahr gekocht wird.

Nicht nur für die Kirche gilt: Aus der Ruhe kommt die Kraft zur ehrlichen Selbsteinschätzung und Umkehr. Mit dem ständigen Tun und Machen lässt es sich leicht ablenken von der eigenen schmerzlichen Wahrheit. Ein ruhiger Blick auf das Zusammenleben von katholischer und evangelischer Kirche zum Beispiel fördert eine bittere Wahrheit zutage:
Trotz eines sehr freundlichen Miteinanders in unseren Ortschaften befindet sich die eine gemeinsame Christenheit, die Ökumene, leider nicht in bester Verfassung. Sie ist geprägt von scheinbar unüberbrückbaren und manchmal sogar unversöhnlichen Gegensätzen. Dass
wir das Mahl Jesu noch immer nicht gemeinsam feiern können, ist bis heute der wunde Punkt in der Beziehung von Christen verschiedener Konfessionen untereinander. Manchen Kritikern gilt dies sogar als maßgebliches Argument gegen Kirche und ihre Botschaft: ihr predigt Freiheit und Versöhnung und seid selbst nicht in der Lage, miteinander diese Freiheit und diese Versöhnung zu leben.
Im August wird mir diese schmerzliche Wahrheit immer besonders deutlich. Es gibt keine ökumenischen Veranstaltungen und Events, die den wunden Punkt zudecken könnten oder über ihn hinwegtrösten. Das Sommerloch und seine Zeit zum Nachdenken ist eben durch nichts zu ersetzen.

Letztens setze sich jemand für eine „Theologie des Lassens“ ein. Das kann man (zu)lassen als eine besondere August-Variante der Theologie. Denn die Bibel nennt vom ersten bis letzten Kapitel sehr klar, was zu lassen ist, wir müssen sie nur einmal wieder mit der richtigen Brille lesen. Natürlich kann man sie auch lesen mit der Brille des Tun-Müssens. Aber im August lese ich klar und deutlich eine Botschaft aus der Bibel: Du sollst das Sommerloch (da)sein lassen und keine Aufmerksamkeit heischen.

Wolfgang Ludwig


Gedanken zum Sonntag für den 22.07.2012

Es ist zwar erst Mitte Juli – aber schon rufen die Lehrerkollegen/kolleginnen nach den Reli-Noten. Bis zum Zeugnistag ist zwar noch ein bisschen hin, aber diese bedeutungsschwangeren Blätter müssen ja noch geschrieben werden. Ja, auch ich muss als Lehrer im Fach evangelische Religionslehre SchülerINNEN benoten. Gottseidank kann es in diesem Fach nicht immer ganz päpstlich zugehen. In einem gewissen Sinne bin ich auch in der Schule Seelsorger und höre den Mädels und Jungs zwischen die Zeilen bei allem, was sie so erzählen. In Reli ist Zeit für manche Dinge und Themen, die ansonsten in anderen Fächern keine Rolle spielen (können/ dürfen). Und damit ist auch Zeit für den jeweiligen Menschen – und das ist gut so!

Im Zeugnistagzusammenhang zitiere ich dann hin und
wieder einen alten Schulkameraden, der da gesagt hatte: „Leute, vergesst nicht, das ist nur ein Stück Papier!“ Das war damals auf der FOS in München zu Mitte der 70iger Jahre. Ich hab den Mitschüler und seinen Spruch nie vergessen! Was er sagen wollte, war wohl dies: ein Mensch ist mit einem Zeugnis nicht zu beziffern. Nicht einzuklassifizieren. Nicht in seinem Wert zu bestimmen. Auf gar keinen Fall!

Wenn ich eine Babytaufe habe, sage ich den Eltern und Paten und allen, die dabei sind beim Überreichen der Taufurkunde (auch Taufzeugnis genannt!) in etwa immer folgendes: Es mag sein, dass der Täufling in seinem Leben noch ohne Ende Zeugnisse bekommen wird. Ganz gleich, was dann auf diesen Zeugnissen stehen wird, eins ist sicher: auf diesem Taufzeugnis steht unsichtbar für unsere Augen, quasi als Tauf-Wasserzeichen eine 1. Und die bleibt stehen. Ein ganzes Leben lang. Sogar darüber hinaus!

Mit anderen Worten: wir sind Gott wichtig. Er liebt uns so, wie wir sind. Das bleibt bestehen. Das war seine frohe Botschaft durch Jesus Christus. Dafür wurde Gott Mensch.

Nicht nur bei Taufen teile ich das den Anwesenden so mit, sondern ab und an auch den SchülerINNEn in den Schulen. Weil ich weiß, dass das eine Botschaft ist, die sie ansonsten beinahe nie hören. Weil das eine Botschaft ist, die Menschen tatsächlich froh macht – ob sie nun noch SchülerINNEN sind oder nicht mehr.

Hartmut Thumser, evangelischer Pfarrer in Hohenlinden und Kirchseeon